Depression… Warum? Wie ist das?

Ich habe letztens einen bösen Streit mit meiner werten Mutter (ja, ich mag sie nicht besonders) gehabt, in welchem es darum ging, dass ich Tochter mich viel zu selten und viel zu wenig melde.
Ich weiß das. Ich bin aber auch im Umgang mit anderen Menschen viel zu nachlässig, wenn es um Kontaktpflege geht! Das hab ich ihr dummerweise auch gesagt.  „Ist mir doch egal, ICH BIN SCHLIESSLICH DEINE MUTTER!! DU hast dich zu melden!“ war der daraufhin folgende Wutbrüller am anderen Ende der Telefonleitung.

Nun, ich bin leider so dumm und höre an solchen Stellen nicht auf, sondern ich versuche mich zu rechtfertigen und mein Verhalten zu erklären. Also habe ich versucht meiner Mutter am Telefon zu erklären, was eine Depression ist und was diese bei mir für Auswirkungen hat, nämlich unter anderem, dass mir teilweise schon die Motivation fehlt mir überhaupt was zu essen zu machen. Insofern ist es für Normalsterbliche dann ggf. Durchaus verständlich, dass mir unter Umständen auch die Motivation fehlt irgendjemanden anzurufen um mich anschreien zu lassen.

An dieser Stelle muss man wissen, dass meine Mutter in solchen Dingen eher kleingeistig ist und noch dazu Bildzeitungsleserin (eine wirklich böse Kombination). Folglich stellen Depressionen für sie keine Krankheit da, sondern nur eine Ausrede. Und selbst wenn man sie zu dem Punkt bringt Depression als Krankheit anzusehen, dann müsste doch nach spätestens ein oder zwei Arztbesuchen alles wieder schön sein (wie bei einer Grippe halt). „Deine Therapeutin braucht dir doch nur sagen, dass du ein guter und netter Mensch bist! Das muss doch reichen!“, ein Originalzitat meiner Erzeugerin oder aber auch „Kauf dir doch mal ein Buch darüber, das hilft!“. ECHT??? Warum hat mir das vorher nie einer gesagt!! 😯

Aber wie ist dann nun so eine Depression, wie bekommt man sowas? Ich kann nur von mir ausgehen und schreiben wie es bei mir war.

Ich bin depressiv, weil ich mich selbst nicht mag, weil ich jeden Tag mit mir hadere und mich selbst als furchtbaren, dummen, hässlichen, uninteressanten und langweiligen Menschen sehe, den niemand lieben / mögen kann. Nicht mal ich selbst. Ich habe kein Selbstvertrauen, aber dafür ganz viele Minderwertigkeitskomplexe und diese Komplexe habe ich durch negative Erlebnisse gehegt und gepflegt. Nicht jedem Menschen passieren nur schlechte Dinge, aber ich bin mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem es mir sehr schwer fällt gute Erlebnisse wahrzunehmen. Ich füttere quasi meine Komplexe immer weiter, indem ich mich hauptsächlich an negative Erlebnisse erinnere, Momente, in welchen andere Menschen mich herabgewertet haben.

Nehmen wir zB meinen Vater, der nicht bemerkte das ich vor der Tür zum Kinderzimmer stand (ich war 7) und der über mich meinte „Die ist genauso bekloppt wie ihre Mutter!“. Oder meine Mutter, die, als sie einmalig von meinem Vater eine Ohrfeige bekommen hatte, ins Kinderzimmer kam und zu mir (damals knapp 5) meinte „Das ist nur deine Schuld!“. Mitschülerinnen, von denen ich dachte sie wären meine Freundinnen, die auf dem Klo über mich lästerten und lachten und nicht wussten, dass ich in einer der Kabinen saß und alles mitanhörte. Da war auch noch der Ausbilder, der mir mit 18 sagte ich wäre eh zu dumm für die Arbeit, würde es nie zu etwas bringen und sollte lieber gleich Rente beantragen, das wäre wenigstens mal eine kluge Entscheidung. Als ich dann meine Ausbildung kündigte und stattdessen studieren wollte, meinten meine Eltern „Du? Studieren? Das schaffst du doch sowieso nicht!“. Und auch meine Ehemann merkte nicht wie er mein Selbstvertrauen verbrannt hat, indem er zu seinem Bruder meinte „Die Marcella und ich wollen keine Kinder, die ist dazu doch gar nicht in der Lage!“

Sowas merkt man sich, sowas tut weh, sowas brennt sich ins Gedächtnis. Und irgendwann denkt man, die haben alle recht. So viele Menschen können sich nicht irren, ich muss der Fehler im System sein!!
Von meinem Ehemann habe ich mich irgendwann getrennt, von meinen Eltern weitesgehend ebenfalls, aber dadurch stand ich halt ziemlich allein da, denn meine Freunde war die Familie meines Mannes gewesen und ich hatte auch viele seiner Freunde übernommen. Seit der Scheidung ist da quasi niemand mehr. Und auch wenn die Trennung von mir ausging, es hat mich schwer getroffen. Auf einmal allein, niemand mehr da. Und man beginnt traurig zu werden, einsam zu sein und in ein Loch zu fallen! So hat sich über einen Zeitraum von knapp 20 Jahren viel Traurigkeit angesammelt und vielleicht galt ich dann am Ende als leicht depressiv, allerdings hab ich zu dem Zeitpunkt nichts davon gemerkt bzw. nur wenig und es nicht als Krankheit wahrgenommen, sondern einfach als Pechsträhne.

Und dann kam er! Der Typ, der behauptete er wäre anders. Der schrieb, er hätte immer Pech, weil er halt nett wäre und Frauen keine netten Männer wollen. Ich mochte diesen Menschen. Aber eben nur als Menschen. Ich kannte ihn nur online, habe mich super gern mit ihm unterhalten und wir hatten viele gemeinsame Gesprächsthemen. Aber ich hatte keinerlei erotisches Interesse an ihm. Aber es tat immer gut mit ihm zu schreiben, einen Kumpel zu haben. Er hat mich dann in seine Stadt eingeladen und obwohl ich mich super unwohl gefühlt habe und bis zum letzten Moment darüber nachgedacht hatte einen Rückzieher zu machen, bin ich in seine Stadt geflogen. Und obwohl ich ihm vorher noch geschrieben hatte, dass er nichts von mir zu erwarten hat, weil ich eben kein Interesse an ihm als Mann, sondern nur als Kumpel hatte,  ist es dann eben doch passiert. Welch dummer Fehler.

Obwohl ich mich lange gewehrt habe (weil welche Aussicht hat eine solche Fernbeziehung über mehrere hundert Kilometer) hatte er es nach einem Jahr umgarnen und verwöhnen dann doch geschafft, ich war verliebt. Vor allem, ich war endlich mal glücklich. Ich hatte nicht nur nen Mann gefunden, der mich anscheinend wirklich so mochte wie ich war, sondern durch ihn auch noch total nette Menschen, die mich auch noch zu mögen schienen. Auf einmal fühlte ich tatsächlich einen Funken Selbstvertrauen in mir, ich fühlte mich gut, fand mich selbst gut, fing an zu leben und zu genießen. Denn wenn der Mann mich mag und seine Freunde, dann musste ja doch was an mir sein.

Doch dann, ohne Vorwarnung, ohne vorhergehenden Streit oder ähnliches kam der Anruf. Ich hab die Nummer auf dem Handy gesehen und mich tierisch gefreut, denn er war grad 4 Wochen mit nem Freund weg gewesen und wir hatten seither nicht mehr gesprochen und er sagte dann, was er zu sagen hatte: „Ich möchte die Beziehung zu dir beenden. Ich hab dich halt nicht vermisst!“

DAS war mein KnockOut und auf einmal war alles klar und alles was folgte ging automatisch, war gedanklich für mich völlig logisch! Natürlich hat er dich nicht vermisst, wer sollte mich denn vermissen. Egal ob meine Eltern, mein Ausbilder, meine „Freundinnen“, mein Ehemann… sie alle hatten doch schon immer gezeigt und gesagt was ich wert bin: NICHTS!
Wie konnte ich nur so dumm sein und glauben, dass sich das auf einmal ändern würde?? Wie konnte ich so dumm sein und glauben, dass mich auf einmal jemand mögen würde? Das ER mich tatsächlich gemocht hat? Niemand mag mich! Alle haben es doch immer schon gesagt, WIE KANN ICH SO DUMM SEIN UND WAS ANDERES DENKEN????

Als ich dann auch noch eine Woche nach der Trennung wegen Nierensteinen ins Krankenhaus musste und der Arzt mich fragte, wen er im Notfall anrufen solle „Haben sie denn keinen Freund?“  folgte der endgültige Zusammenbruch. Ich habe nur noch geweint, nichts mehr gegessen, bin bei der Arbeit zusammengebrochen, bin ständig krank geworden und habe mich einfach auf mein Sofa gelegt und irgendwie gehofft und gebetet das ich sterben darf. Was soll man denn in einer Welt, in der niemand da ist der einen liebt / lieben kann? Denn auf einmal, war niemand mehr da! Ich hatte keinen Ehemann, keine Familie, keine Freunde hier in meiner Stadt (die gehörten ja meinem Ex-Mann), keinen Liebhaber mehr in der anderen Stadt und bald würde ich mit Sicherheit auch die dort neu gewonnenen Freunde verlieren.
Alles was mir blieb war mein Sofa und meine schlechten Gedanken, die mir immer und immer wieder sagten wie schlecht ich bin, wie unliebenswert, wie hässlich und dumm. Und wenn ich es dann mal geschafft hatte einzuschlafen, dann waren sie alle in meinen Träumen und haben mich ausgelacht. „Wer soll dich denn schon mögen? Da haben wir dich ja schön verarscht! April,April!!“

Und so blieb ich auf meinem Sofa und bleibe es meist immernoch. Ich habe Angst vor den Menschen da draußen. Ich habe Angst, dass ich jemanden von ihnen mögen könnte, der / die mich dann auch wieder „verarscht“ und verlässt. Ich habe Angst, dass ich dann nicht mehr genug Kraft habe um das auszuhalten. Ich habe Angst, die wenigen Menschen die noch mit mir reden auch noch zu verlieren, weil sie vielleicht auch irgendwann erkennen wie schrecklich ich bin. Ich habe Angst allein zu sterben und das niemand es bemerkt.

Und so bin ich quasi zerfressen von Angst, Traurigkeit und Selbstzweifeln. Ich kämpfe jeden Tag mit mir um es überhaupt zur Arbeit zu schaffen, überhaupt aufzustehen. Aber mehr dazu an anderer Stelle und später. Ich hab mich jetzt quasi grad bis zum Heulen geschrieben! (ist das gut oder schlecht?!)  😯

(Btw. Der Exfreund, der quasi „Auslöser“ war, ist übrigens was Liebeskummer betrifft mittlerweile vergessen. Ihn trifft keine Schuld. Mein Problem ist grundsätzlicher (globaler). Er war quasi unbewusst der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte. Mein Problem ist nicht Liebeskummer, auch wenn es manchem so erscheinen mag. Mein Problem ist Einsamkeit und das ich mit mir nicht allein sein kann, es aber anscheinend sein muss.)